Ein Juwelenkranz des Bodhisattvas

von Atisha (Dipamkara Shrijnana)

 

Ich verbeuge mich vor dem Großen Mitgefühl. Ich verbeuge mich vor den Höchsten Lehrern. Ich verbeuge mich vor den Buddhaformen, vor all jenen, die des Vertrauens würdig sind.

(1) Ich will all meinen unentschlossenen Wankelmut aufgeben und es schätzen (lernen) von ganzem Herzen mit Ernsthaftigkeit zu praktizieren. Daher werde ich mich vollständig von Schläfrigkeit, Dumpfheit und Faulheit befreien, und mich stets mit freudiger Tatkraft bemühen.

(2) Ich will die Pforten meiner Sinne zu jeder Zeit mit Vergegenwärtigung, Wachsamkeit und Sorgsamkeit hüten. Daher werde ich wiederholt den Fluss meines Geistes prüfen, und zwar dreimal jeden Tag und dreimal pro Nacht.

(3) Ich will meine Fehler offen darlegen und es vermeiden, bei anderen Fehler zu suchen. Meine eigenen guten Eigenschaften werde ich verborgen halten und die guten Eigenschaften der anderen bekannt machen.

(4) Ich will mich stets (vom Begehren) nach materiellem Gewinn und Ansehen wie auch (vom Begehren) nach Profit und Ruhm befreien. Daher werde ich nur wenige Wünsche hegen, zufrieden sein, und gute Taten, die vollbracht wurden, offen wertschätzen.

(5) Ich will über Liebe und Mitgefühl meditieren und meine Bodhichitta-Ausrichtung festigen. Ich werde mich daher von den zehn zerstörerischen Handlungen befreien und meinem (Geist) durch den Glauben an Tatsachen Festigkeit verleihen.

(6) Ich will Zorn und Stolz überwinden und eine Haltung von Bescheidenheit entwickeln. Daher werde ich unehrliche Lebensweisen überwinden, und mein Einkommen durch einen Lebenserwerb bestreiten, der mit dem Dharma im Einklang steht.

(7) Ich will mich aller materieller Bürden entledigen und mich mit den Juwelen der Aryas schmücken. Daher werde ich mich von allen geschäftigen Aktivitäten befreien, und in Abgeschiedenheit leben.

(8) Ich will mich unnützer Worte entledigen und jederzeit meine Rede zügeln. Sollte ich einem herausragenden Lehrer oder einem gelehrten Meister begegnen, werde ich ihm daher in respektvoller Weise meine Dienste anbieten.

(9) Ich werde meine Wahrnehmung erweitern und Menschen, die das Auge des Dharma besitzen, als auch begrenzte Wesen, die Anfänger sind, als meine Lehrer betrachten.

(10) Wann auch immer ich (in ihren Fähigkeiten) begrenzte Wesen sehe, will ich meine Wahrnehmung erweitern und sie als meinen Vater, meine Mutter, mein Kind oder Enkelkind betrachten. Daher werde ich mich von irreführenden Freunden abwenden und mich spirituellen Freunden anvertrauen.

(11) Ich will mich von Feindseligkeit und unbehaglichen Geisteszuständen befreien und glücklich an alle Orte gehen. Daher werde ich mich von allem, dem ich anhafte, befreien und ohne Anhaftung leben.

(12) Mit Anhaftung werde ich nicht einmal eine glückliche Wiedergeburt erlangen sondern in Wirklichkeit meiner Befreiung die Lebenskraft abschneiden. Daher, werde ich, wo auch immer ich eine Glück bringende Dharma-Methode erblicke, mich stets um ihre (Anwendung) bemühen.

(13) Was auch immer ich zuerst begonnen habe, eben dieses will ich auch als erstes vollenden. Alle (Aufgaben) werden auf diese Weise gut vollendet; ansonsten würde weder dieses noch jenes (zu einem Ende) gebracht.

(14) Solange ich immer noch fortwährend negativ handele und von Freude getrennt bin, will ich, immer wenn in mir ein Gefühl von Überlegenheit aufsteigt, meinen Stolz bändigen und mich dann der richtungweisenden Belehrungen meines herausragenden Lehrers erinnern.

(15) Und wenn in mir Gefühle der Entmutigung aufsteigen, will ich die herausragenden Aspekte des Geistes preisen und über die Leerheit der zwei (Zustände) meditieren.

(16) Wann immer in einer Situation ein Objekt der Anhaftung oder Feindseligkeit erscheint, will ich es wie eine Illusion oder Projektion betrachten; wann immer ich unangenehme Worte höre, will ich sie wie ein Echo betrachten; und wann immer meinem Körper Schaden zuteil wird, will ich dieses als (Ergebnis meines) früheren Karmas betrachten.  

(17) Ich will mein Leben verbessern, indem ich an einem zurückgezogenen Ort jenseits der Begrenzungen (der Städte weile), und gleich dem Kadaver eines toten Wildes, mich in Abgeschiedenheit verberge und anhaftungslos lebe.

(18) (Dort) will ich immer stabil bei meiner Buddha-Form sein; Und wann immer in mir ein Gefühl von Faulheit oder Erschöpfung entsteht, will ich meine eigenen Unzulänglichkeiten aufzählen und mich der essentiellen Punkte zur Zähmung des Verhaltens erinnern.

(19) Sollte ich jedoch anderen (Menschen) begegnen, will ich auf ruhige, freundliche und ernsthafte Weise sprechen, mich jeglichen Stirnrunzelns oder verschlossenen Gesichtsausdruckes entledigen, und im Gesicht stets ein Lächeln tragen.

(20) Und wenn ich fortwährend anderen Menschen begegne, will ich all meine Knauserigkeit ablegen, mich stattdessen am Geben erfreuen, und mich selbst von allem Neid befreien.

(21) Um den Geist anderer zu schützen, will ich mich aller Streitigkeiten entledigen, und stets Geduld üben.

(22) In Freundschaften will ich mich weder kriecherisch noch wankelmütig verhalten, sondern stets ein treuer und zuverlässiger Freund sein; Ich werde mich davon befreien, andere zu beleidigen, und einen respektvollen Umgang wahren. Dann, wenn ich anderen richtungweisende Belehrungen gebe will ich mitfühlend und hilfsbereit sein.

(23) Ich will den Dharma niemals verleugnen, und meine Absichten an jenen ausrichten, die ich inbrünstig bewundere; Ich will mich bemühen, dass ich während meiner Tage und Nächte, immer wieder durch die Tore der zehn Dharma-Handlungen gehe.

(24) Ich will all die heilsamen Taten, die ich in den drei Zeiten angehäuft habe der unvergleichlichen Erleuchtung widmen, und meine positive Energie allen Wesen zuteil werden lassen. Und will ständig das großartige Gebet der Sieben Zweige darbringen.

(25) Indem ich so handle, will ich meine zwei Netzwerke von positiver Kraft und tiefem Gewahrsein zur Vollendung bringen, und zudem in mir die zwei Verdunklungen erschöpfen. Ich habe einen menschlichen Körper erlangt - dies soll einen Sinn bekommen, Indem ich die unvergleichliche Erleuchtung erlange.  

(26) Das Juwel des Glaubens an Tatsachen, das Juwel der ethischen Selbst-Disziplin, das Juwel der Großzügigkeit, das Juwel des Zuhörens, das Juwel des dafür Sorgetragens, wie mein Verhalten anderen erscheint, das des ethischen Ehrgefühls und das Juwel des unterscheidenden Gewahrseins - alles in allem sieben.

(27) Diese heiligen Juwelen sind die sieben Juwelen, die sich niemals erschöpfen. Sie sollten gegenüber menschenähnlichen Wesen nicht erwähnt werden.

(28) Ich will immer wieder meine Sprache prüfen, wenn ich inmitten vieler bin, und wieder und wieder meine Geisteszustände, wenn ich alleine bin.

 

Anmerkung Vers 23:

Die zehn Dharma-Handlungen (tib. chos-spyod rnam-bcu) sind:

(1) Dharma-Schriften abschreiben

(2) den Drei Juwelen Gaben darbringen

(3) Armen und Kranken geben

(4) den Belehrungen zuhören

(5) Dharma-Schriften lesen

(6) sich die Essenz der Lehre zu Herzen nehmen, indem man über sie meditiert

(7) die Lehre erläutern

(8) Sutras rezitieren

(9) über die Bedeutung eines Textes nachdenken, und

(10) einsgerichtet über die Bedeutung der Lehre meditieren.

 


Was bedeutet Bodhicitta?

 

Die nachfolgenden Textstellen stammen von Dilgo Khyentses Kommentar zu einem Text von Patrul Rinpoche. Die ersten Zeilen stammen von Patrul Rinpoche.

 

"Die Grundlage des Mahayana-Weges ist der Erleuchtungsgeist; Dieser erhabene Gedanke ist der eine Pfad, der von allen Buddhas begangen wurde. Niemals diesen edlen Pfad des Erleuchtungs-gedankens verlassend und von Mitgefühl für alle Lebewesen erfüllt, rezitiere das Sechs Silben Mantra (OM MANE PADME HUM)"

 

Der "Erleuchtungsgeist", oder Erleuchtungsgedanke, Bodhicitta in Sanskrit, ist der Wunsch, Erleuchtung um des Wohls aller Wesen willen zu erlangen. Bodhicitta hat zwei Aspekte, den relativen und den absoluten. Absolutes Bodhicitta ist das Erkennen der allen Lebewesen innewohnenden Buddha-Natur und gelingt nur denen, die die Leerheit aller Phänomene erkennen. Da dies nicht leicht zu verstehen ist, beginnt man üblicherweise mit der weniger schwierigen Praxis des relativen Bodhicitta.

Relatives Bodhicitta ist ebenfalls zweigeteilt, in ein Bodhicitta des Bestrebens und ein Bodhicitta des Anwendens. Ersteres ist der Wunsch, zum Wohle aller Wesen Erleuchtung zu erlangen und letzteres das Umsetzen dieses Wunsches in die Tat durch das Üben der sechs Paramitas. In anderen Worten: Bodhicitta des Bestreben ist, was das Ziel anpeilt, und Bodhicitta des Anwendens sind die Mittel, mit deren Hilfe das Ziel erreicht wird. Der Kernpunkt des Mahayana ist, dass beides Bestreben und Anwenden, nicht auf uns zielt, sondern auf alle Lebewesen, solange Samsara existiert.

Wie fängt man es an, das Bodhicitta des Bestrebens zu entwickeln - das Gefühl des Mitgefühls mit allen Wesen, das den Wunsch in uns erweckt, um ihretwillen Erleuchtung zu erlangen? Als erstes nehmen Sie Chenrezig zum Zeugen Ihrer Entschlossenheit, Verwirklichung zu erlangen, um anderen dienen zu können.

Als nächstes versuchen Sie dann, die Einstellungen zu überwinden, nur denen helfen zu wollen, die Ihnen nahe stehen, und gegenüber den Bedürfnissen von anderen, die Ihnen unsympathisch sind, abweisend zu sein.

Jedes einzelne dieser Wesen, auch das allerkleinste Insekt möchte glücklich sein und nicht leiden, nur weiß keins von ihnen, das Leiden durch negatives Verhalten hervorgerufen wird und Glück aus einem heilsamen Geist entsteht. Wenn Sie daran denken, wie die Wesen, Blinden in einer riesigen Wüste ähnelnd, hoffnungslos im Leid versinken, bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig, als ein tiefes Mitgefühl zu empfinden. (...)

Mitgefühl zu empfinden ist der Ausgangspunkt. Anschließend müssen Sie ihren Wunsch, Ihr Bestreben in Handeln umsetzen. Doch wie Atisha sagt: "Was zählt, ist die Absicht." Wenn Ihr Geist immer von der Absicht, das Wohl anderer zu bewirken, erfüllt ist, entwickelt sich das Bodhicitta des Anwendens von allein - ganz gleich, wie Ihr Verhalten nach außen wirkt. Wenn es Ihnen gelingt, diese Bodhicitta-Gesinnung zu bewahren, werden Sie nicht nur niemals vom Weg abkommen, sondern auch mit Sicherheit Fortschritte auf ihm machen. Wenn Körper, Rede und Geist ganz von dem Wunsch, allen Wesen zu helfen, durchdrungen sind, wenn Ihr Ziel vollendete Buddhaschaft für sich und die anderen ist, dann wird auch die kleinste Tat, eine einzige Rezitation des MANI oder eine einzige Niederwerfung diesen Wunsch ohne Zweifel rasch in Erfüllung gehen lassen.

Die sechs Silben des Mantra, die Essenz von Chenrezigs Sein, sind die sechs Paramitas in Form eines Mantra. Wenn Sie das Mantra rezitieren, erwachen spontan die sechs Paramitas und das Bodhicitta des Anwendens wird ausgeführt.

Es heißt, das die, die im Gefängnis von Samsara leiden, in dem Augenblick, da sie den Erleuchtungsgedanken in sich entfachen, von den Buddhas als Söhne und Töchter angenommen werden und das sie von Menschen und Göttern gerühmt werden. Ihre ganze Existenz bekommt nun einen neuen Sinn - und all dies dank der unermesslichen Wirkkraft des edelsteingleichen Bodhicitta. Bodhicitta ist die Essenz der vierundachtzigtausend Unterteilungen von Buddhas Lehre, gleichzeitig aber ist es einfach, auch für AnfängerInnen leicht zu verstehen und zu praktizieren.

(DILGO KHYENTSE)


Möge das kostbare und erhabene Bodhicitta dort entstehen,  wo es noch nicht entstanden ist.
Möge es dort, wo es entstanden ist, nicht abnehmen,  sondern immer mehr anwachsen.
Shantideva


Mögen alle Wesen glücklich sein
Mögen alle Wesen frei sein von Leid
Mögen alle Wesen die wahre Befreiung erfahren, die über alles Leiden hinausgeht